Die Polaroid-Photographie ist nicht nur eine aussterbende Technik, das Besondere an diesem Bildverfahren ist ihre Produktion von Unikaten. Es gibt kein Positiv von einem Negativ und kein Negativ, von dem man ein Positivbild herstellen könnte - das Polaroid ist quasi beides in einem zugleich. Zu der Einmaligkeit kommt sein Dasein als Einzelbild. Dies ist innerhalb des Photographischen eine weitere Eigenheit, denn Photographien sind in gewisser Hinsicht immer Teil einer seriellen Produktion - denkt man an einen Negativstreifen mit einer Abfolge von Bildern, ein Nacheinander und Hintereinander innerhalb eines Kamerafilms. Polaroid-Photographien existieren hingegen als einmalige Unikate nebeneinander.

Dieses autonome Nebeneinander von Bildern ist bewusster Teil der Polaroid-Arbeiten von Anne Guillin. Ihre Photographien zeigen räumliche Situationen und Außenaufnahmen ohne menschliche Präsenz, ohne eine Geschichte mit Anfang und Ende. Der Ansatz einer Narration wird bewusst vermieden, motivische Verbindungen durch Wiederholungen fehlen. Vielmehr wirken die einzelnen Polaroids wie Puzzleteile, die einfach nicht zusammen passen wollen. Guillins Aufnahmen sind fotografische Bruchstücke der sichtbaren Realität, die zusammengesetzt jedoch kein klar umrissenes Gesamtbild ergeben, sie finden ihre Verknüpfung auf einer Ebene fern jeglicher Linearität. Trotz subjektiver Perspektive schafft Anne Guillin assoziativ aufgeladene Bilder, die dem Betrachter in ihrer Offenheit Raum für eigene Projektionen und Erinnerungen geben. Dabei nutzt die Photographin allgemeine Bilderfahrungen des Bildgegenübers.

Ein schwerer, dunkelroter Vorhang, ein Treppenhaus mit Schattenrissen, seidige Vorhänge vor verregneten Fenstern, Teile einer rotgestreiften Markise in herrlichem Sommersonnenschein, blumige Tapeten und Stuckdecken einer Altbauwohnung, eine einsame Lampionkette im Wind, ein antiker, verschnörkelter Spiegel - die photographierten Situationen lassen in ihrer Verknüpfung von sachlicher Formschönheit mit romantisch-melancholischen Momenten, in der Verbindung von Alltagsbegebenheiten und surreal anmutenden Szenarien viel Platz für eigene, bewusste oder auch unbewusste Assoziationen und Gedankenketten. Es stellt sich heraus, dass die Aufnahmen fern jeglicher dokumentarisch orientierten Bildmotivation auf die Visualisierung von bestimmten Atmosphären und Stimmungen hinarbeiten. Die Grenzen des realen Raumes verflüchtigen sich, der Bildraum öffnet sich in die Weite der Erinnerungen und Emotionen.

Auf subtile Weise setzt Anne Guillin hierfür die Technik des Polaroids ein. Die spezifischen Farbwerte des Sofortbildes und dessen leichte Unschärfe entsprechen der malerischen Anmutung der Bilder, die sich durch ausgewählte Bildkompositionen, An- und Ausschnitthaftigkeit auf Abstand zur Wirklichkeit positionieren. Besonders der für das Polaroid typische weiße Bildrahmen gewinnt hier an eigener Bedeutung. Der technisch bedingte Rand wird von Anne Guillin ins größere Ausstellungsformat bewusst mit übertragen. Gleich einem Fenster rahmt er das Bild und wird zur Metapher einer Tür hinein in eine Sphäre ohne reale Bedingungen oder Begrenzungen. Anne Guillin bildet die sichtbare Welt ab, doch ihr Abbild schürt die Sehnsucht nach dem Eintauchen in eine andere.

Ulrike Westphal